Entartete Musik und Kunst

Kunst und Kultur waren in Deutschland seit 1933 nicht mehr autonom, sondern sie standen im Dienst von Staat, Volk und Rasse. Moderne, avantgardistische Stilrichtungen in der Bildenden Kunst und in der Musik lehnten die Nationalsozialisten pauschal als „undeutsch“ ab. Im Mai 1938 eröffnete in Düsseldorf die vom NS-Funktionär Hans Severus Ziegler (1893-1978) organisierte Ausstellung „Entartete Musik“, die anschließend auch in Weimar, München und Wien gezeigt wurde. Die Musik der Moderne wie etwa von Gustav Mahler oder Arnold Schönberg wurde ebenso als „entartet“ diffamiert wie die Musik jüdischer Künstler. Auf strikte Ablehnung der Nationalsozialisten stieß der als „Niggermusik“ verunglimpfte Jazz.[1]

Vor allem die Unterhaltungsmusik und der Tanzschlager erlebten im NS-Regime und im Zweiten Weltkrieg einen ungemeinen Aufschwung und Popularitätsschub. Die Rundfunkprogramme boten überwiegend diese Form der Musik, ausgerichtet auf den Geschmack eines Massenpublikums. 1938 machte der Programmanteil von Unterhaltungsmusik im Rundfunk 45 Prozent aus, 1943 waren es 70 Prozent. Unterhaltung und Ablenkung vom kriegsbedingten Alltagsleben kamen eine immense Bedeutung zu, gleichzeitig sollte das Hören von Feindsendern mit attraktiven Programmen unterbunden werden. Obwohl Jazz und Swing als „artfremde Niggermusik“ verfemt waren, gelang es den Nationalsozialisten nicht, den Musikgeschmack breiter Hörerschichten beliebig umzuformen. Jazz und Swing wurden geduldet, wenn die amerikanische Herkunft verleugnet wurde und sie im Rundfunk „deutsch verpackt“ als „stark rhythmische Musik“ liefen. Im Zweiten Weltkrieg diente der Jazz Goebbels auch als Instrument zur Beeinflussung des Feinds. „Charlie and his Orchestra “ spielten Jazz mit deutschen Propagandatexten in englischer Sprache.

Zu den erfolgreichsten Schlagerkomponisten im NS-Regime gehörte vor allem Michael Jary. Sein Lied „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ aus dem Film „Das Paradies der Junggesellen“ avancierte 1939 zu einem Welterfolg. Über 25 Millionen Menschen sahen den im Juni 1942 uraufgeführten Film „Die große Liebe“ mit Zarah Leander, für den Jary den von Leander gesungenen Erfolgsschlager „Es wird einmal ein Wunder geschehen“ schrieb. Bereits 1937 hatte Zarah Leander, die im NS-Regime einer der beliebtesten und teuersten Stars war, mit „Der Wind hat mit ein Lied erzählt“ einen großen Publikumserfolg. Wie auch Hans Albers‘ „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ aus „Große Freiheit Nr.7“ (1943) waren die weitaus meisten bekannten Schlager Musikstücke aus populären Filmen. Eine Ausnahme bildete das von Hans Leip (1893-1983) geschriebene, von Norbert Schultze (geb. 1911) 1938 vertonte und ein Jahr später von der Sängerin Lale Andersen (1908-1972) aufgenommene Lied „Lili Marleen“. Im Zweiten Weltkrieg war es das bekannteste und meistgespielte Soldatenlied. Die englische Version des Stücks war bei britischen und amerikanischen Soldaten genauso beliebt wie die deutsche Originalfassung bei Angehörigen der Wehrmacht oder in der deutschen Zivilbevölkerung. Wie kein zweites Lied wurde „Lili Marleen“ im „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ gespielt, das die Verbindung zwischen Heimat und Front herstellen sollte. Die äußerst populäre Sendung wurde jeden Sonntag von rund 50 Prozent der Bevökerung verfolgt, ihre Bandbreite reichte vom Schlager über die Operettenmelodie bis zum Militärmarsch.

[Quelle: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/kunst/musik/]

Die von Propagandaminister Joseph Goebbels (1897-1945) initiierte und vom Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, Adolf Ziegler (1892-1959), geleitete Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde am 19. Juli 1937 in München eröffnet. Sie zeigte 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen. Über drei Millionen Menschen besuchten diese Ausstellung, die bis April 1941 in zwölf weiteren Städten gezeigt wurde. Kunstwerke und kulturelle Strömungen, die mit dem Kunstverständnis und Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht in Einklang standen – Expressionismus, Impressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Kubismus oder Fauvismus – galten als „entartet“, „krank“ oder als „jüdisch-bolschewistisch“. Diese Werke wurden mit Fotos missgebildeter Menschen präsentiert, um bei den Besuchern Abscheu und Beklemmungen auszulösen. Das Münchner „Haus der Deutschen Kunst“ zeigte zeitgleich die „Große Deutsche Kunstausstellung“ mit „deutscher“ Kunst.[2]

 

[1] https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/entartete-musik-1939.html

[2] https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/ausstellungsfuehrer-entartete-kunst-1937.html