Zehntreceß

Vorbemerkung: Der hier vorliegende Text ist aus einem in deutscher Schrift gehaltenem handschriftlichem Original von uns in die heute übliche Schriftform übertragen worden. Die Rechtschreibung und Zeichensetzung wurde entsprechend dem Original übernommen. Die fett- und kursivgedruckten Wörter sind im Original in lateinischer Schrift gehalten.

Dieser Vertrag gibt einen Einblick in die Abhängigkeiten der Bauern von „ihrem“ Grundherrn.

Anlage A

 

Ablösungs-Receß

 

Mit Zugrundelegung der bereits vor der Königlichen Ablösungs-Commission zu Göttingen zum Zweck der Ablösung des dem Gute Adelebsen zustehenden, resp. auf der Feldmark des Dorfes Wibbecke und dem Dorfe selbst haftenden Feld- und Gänse-Zehntens verhandelten Acten, ist nun mehr folgender Ablösungs-Vertrag zwischen beiden Theilen, nämlich den Herren von Adelebsen zu Adelebsen, als berechtigten, einer Seits, und den Zehntpflichtigen Einwohnern zu Wibbecke als Pflichtigen, andrer Seits, wohlbedächtlich verabredet und geschlossen worden.

 

§ 1

Gegenstand der Ablösung ist:

Der den Herrn von Adelebsen in der Wibbecker Feldmark derzeit zustehende Fruchtzehnten und

der den Herrn von Adelebsen im Dorfe Wibbecke zustehende Gänsezehnten.

Ausgeschlossen ist daher nicht allein derjenige Zehnten, welcher an das von Adelebsen’sche Gut zu Erbsen verabfolgt wird, sondern auch derjenige, welcher zwar von einigen Einwohnern zu Wibbecke an das Gut zu Adelebsen entrichtet wird, der jedoch auf Grundstücken haftet, die in einer andern, namentlich in der Adelebser, Lödingser, Erbser, oder Barteröder Zehntflur oder Feldmark liegen.

 

§ 2

Die Ablösung geschieht durch Capitalzahlung.

 

§3

Der jährliche, im Sinn des §83 der Ablösungsordnung vom 23ten Julius 1833, hier angenommenen Rein-Ertrag, des oben in §1 gedachten, der Ablösung unterzogenen Zehntens ist durch gutliche Vereinigung außer den noch folgenden Bedingungen festgestellt auf 500 Rthlr. in Golde man schreibt Fünfhundert Reichsthaler in Golde die Pistole zu fünf Thaler gerechnet; es beträgt also das von den Pflichtigen zu zahlende Ablösungs-Capital 12500 Rthlr. schreibe Zwölf-Tausend-Fünf hundert Thaler in Golde.

 

§4

Dieses Ablösungs-Capital lassen die Herren von Adelebsen bis 1ten Januar 1849 ( Eintausend Achthundert Neun und Vierzig ) ungekündigt bei den Pflichtigen stehen, zu diesem Tage aber ist solches in einer Summe zu entrichten und bis zum Tage der Zahlung alljährlich mit vier Prozent zu verzinsen.

 

§5

Der Naturalzehntzug hört seit den 1ten Januar dieses Jahres 1834 auf und es ist daher von diesem Tage an das Ablösungs-Capital mit jährlich 500 Rthlr. in Golde zu verzinsen.

Außerdem sind aber die Zehntpflichtigen schuldig, den Gänsezehnten noch bis zum 1ten Mai 1844, bis wohin derselbe dem Gutspächter Dangers verpachtet ist, an diesen entweder in natura zu entrichten, oder demselben, falls dieser es begehren sollte eine angemessene Entschädigung dafür zu leisten; sowie die Zehntpflichtigen auch auf Vergütung der noch rückständigen Zehntgrundsteuer seit den 1ten Juli 1829 bis zu gegenwärtiger Ablösung zugunsten der Zehntherrn zu verzichten.

 

§ 6

Die Zinsen in dem Betrage von 500 Rthlr. in Golde sind jährlich ultimo Decber. An die von Adelebsen‘sche Gutscasse ohne allen Abzug zu bezahlen.

 

§7

Für die richtige Abtragung des Capitals des zur festgesetzten Zeit und für die prompte Berichtigung der jährlichen Zinsen halten die Pflichtigen in solidum, das heißt Einer für Alle und Alle für Einen und was die Sicherstellung der Herren von Adelebsen rücksichtlich dieser Obliegenheiten anlangt; so läßt man es bei dem Ablösungs-Gesetze vom 10ten Novbr. 1831 §35 und der darauf bezug habenden Verordnung vom 23ten Juli 1833 §241 bestimmten Vorzugsrechte bewenden, so daß also dem fraglichen Ablösungs-Capitale und den davon bis zur Ablösung desselben zu entrichtenden Zinsen im Falle eines Concurses ein Absonderungsrecht ex jure dominii zustehen soll.

Jedoch ist die Eintragung des Ablösungs-Capitals samt Zinsen in das betreffende Hyothekenbuch gehörenden Orts und sofort nach Abschluß des Recesses zu erwirken.

 

§8

Die Ausmittelung des Beitrages eines jeden einzelnen Zehntpflichtigen und eines jeden einzelnen Zehntpflichtigen-Grundstücks bleibt lediglich den Pflichtigen überlassen. In so weit jedoch diese Pflichtigen Zeitpächter von Adelebsen’ scher Meierhöfe sind, haben diese die Genehmigung der Herren von Adelebsen zu vorzunehmenden Repartitive der jährlichen Zinsen einzuholen, widrigenfalls solche nur für die Pächter auf die Dauer ihrer Pacht verbindlich ist.

Die Pflichtigen haben jedoch ein genaues Verzeichnis über die fragliche Repartition, worin jedes einzelne Grundstück mit Angabe seines Besitzers und der auf dasselbe gelegten Beitragsquote aufgeführt ist, den Herren von Adelebsen in glaubhafter Form auszuhändigen, somit diese in jeder Beziehung ihre Rechte wahren können.

 

§9

Wegen der dem Hause Adelebsen gehörenden fünf Meierhöfe zu Wibbecke, welche gegenwärtig zeitpachtweise an die Ackerleute

Gerhard Nörtemann

Wilhelm Schnacke

Ernst Teuteberg

Friedrich Scheidemann und

Justus Nörtemann

ausgethan sind behalten es sich die Herren von Adelebsen vor, zu wählen, ob die zur Zeit der Capitalzahlung sich als dann auf den Meierhöfen befindlichen Pächter den vom Meierhöfe zuleistenden Beitrag zu dem Capitale erlegen oder solchen ferner verzinsen sollen. Bis zum Augenblick der Capitalzahlung werden die Pächter dieser Höfe indessen ganz wie die übrigen Zehntpflichtigen angesehen und behandelt.

§10

Sollte der eine oder andere Pflichtige vor erfolgter Capitalzahlung in Concurs gerathen, so haben die übrigen Pflichtigen ihres eigenen Interesse wegen, weil sie solidarisch haften, die von dem Cridar(?) zu bezahlenden Capitalquote samt etwaiger Zinsenrückstande zeitig zu den Concursacten anzumelden und bei erfolgender Zahlung dieser Capitalquote dieselbe bis dahin wo das ganze Ablösungscapital zu entrichten ist, verzinslich sicher zu belegen.

 

§11

Die Herren von Adelebsen entsagen den nach §94 der Ablösungsordnung ihnen nach Ablösung des Zehntens noch zustehenden Ansprüchen auf Ziehung des Rottzehnten von solcher Länderei, welche sich gegenwärtig außer Cultur befindet und in der Folge wieder artbar gemacht werden sollte.

 

§12

Auch machen sich die Pflichtigen, welche zugleich Köther und den Herren von Adelebsen zum Handdienste verpflichtet sind, ausdrücklich verbindlich, diesen Handdienst, welcher gegenwärtig laut Dienstrelutionsreceses vom 23ten Mai 1833 für den Zeitraum vom 18ten Mai 1832 bis ultimo April 1844 auf eine jährliche Geldrente gesetzt ist ebenfalls seiner Zeit durch Capitalzahlung abzulösen, wobei dann die jetzige jährliche Geldrente als Werth des jährlichen Handdienstes angesehen, mithin die gänzliche Ablösung durch Capitalzahlung auf die Weise bewerkstelligt werden soll, daß der einzelne handdienstpflichtige Köther den 25fachen Betrag der von ihm gegenwärtig zuentrichtenden Geldrente ad 4 Thaler 20 Groschen ( Vier Thaler Zwanzig gg Courant ) und der sonstigen Haben-Frustativa(?) an Rückgelde erlegt. Sollte aber während der Dauer des gedachten Dienstreluitionsrecesses also bis ultimo April 1844 diese Abstellung durch Capitalzahlung – welche auch einzelnen Pflichtigen freistehen soll – nicht erfolgt sein: so soll die jetzige jährliche Geldrente auch ferner von dem Handdienstpflichtigen und zwar so lange entrichtet werden, als er eine gänzliche Ablösung durch Capitalzahlung nicht vorzieht und bewerkstelligt.

 

§13

Schließlich entsagen beide Theile diesem Vertrage etwa entgegen laufenden Einreden, ohne alle Ausnahme, insbesondere der Einrede des Betrugs; der listigen Ueberedung; das die Sache anders niedergeschrieben, als verabredet worden; der Verletzung über oder unter die Hälfte und der Theilung, so wie auch der Einrede, daß ein allgemeiner Verzicht nicht gelten wenn nicht ein besonderer vorhergegangen sey.

So geschehen Adelebsen den 23 Julius 1834

Kreitz Rentmeister, als Bevollmächtigter der Berechtigten Gutsherrschaft zu Adelebsen

Ernst Witthuhn

Friedrich Klinge

Das der Guts-Rentmeister Kreitz von hier, und die Ackerleute Ernst Witthuhn und Friedrich Klinge aus Wibbecke, alle persönlich am Gerichte bekannt, den vorstehenden Receß, nach dessen wörtlicher Vorlesung, heute am hiesigen Gerichte genehmigt und zu dessen Beweise eigenhändig unterschrieben haben, solches wird hierdurch pflichtmäßig bescheinigt.

Adelebsen am 23ten Julius 1834

das Patrimonial-Gericht.

Hüpeden

 

Die nachgesuchte Bestätigung des vorstehenden von den bereits ad acta legitimierten unterzeichneten Mandaterien der berechtigten Gutsherrschaft zu Adelebsen und der Zehntpflichtigen zu Wibbecke eingereichten Ablösungs-Recesses wird hiemit zwar ertheilet, jedoch zugleich, da der fragliche Zehnten zu den Bestandtheilen des von der Allergnädigsten Herrschaft relevirenden Gutes Adelebsen gehört, wegen Sicherung der dem nächstigen Wiederanlegung des Ablösungs-Capitals als Lehens-Capitals durch Beachtung der in der Ablösungs-Ordnung ertheilen Vorschriften das Erforderliche ausdrücklich vorbehalten.

Göttingen, den 25. November 1834

die Districts-Ablösungs-Commission

Heine