Jugend ohne Gott

JUGEND OHNE GOTT.[1]

[1] Kindlers Literaturlexikon, München 1974, Bd. 12, S. 5068ff

Roman von Ödön von Horvath (1901-1938), erschienen 1937 und zu­sammen mit dem Roman Ein Kind unserer Zeit unter dem Obertitel Zeitalter der Fische 1953 neu veröffentlicht. – Die Verstocktheit des Herzens, die »Kälte als Schuld« (Franz Werfel), ist ein Grundmotiv beider Romane: »Die Erde dreht sich in das Zeichen der Fische hinein. Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches« (Jugend ohne Gott).

Verwandt sind beide Werke auch in ihrem Darstellungsprinzip, mit dem Horvath eine »neue Form« gefunden hat: »die Form des lyrisch abgekürzten, dramatisch gespannten, indirekt zeitkritischen Romans« (Klaus Mann). Aufbau und Stil verraten den Dramatiker Horvath.

Als kurze Kapitel reihen sich einzelne relativ selbständige Szenen, meist in Form knapper pointierter Dialoge, aneinander; auch der innere Monolog, in den der Ich-Erzähler immer wieder gerät, ist durch Fragen und Ausrufe dialogisch aufgelockert.

Dramatische Höhepunkte schafft Horvath zumal dort, wo er den Bericht unversehens in die Darstellung von Situationen über­gehen lässt, die durch unmerkliche Tempuswechsel das Vergangene unmittelbar präsent werden lassen. Die assoziativ-sprunghafte Folge lakonischer, oft telegrammartig verkürzter Sätze steigert die den Redewechseln und Situationen immanente untergründige Spannung und evoziert eine Atmosphäre ungreifbarer Bedrohung.

So sehr lenken die dramatischen Stilmittel die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Ablauf des Geschehens, dass die darin verborgene, im Ansatz zeitkritische Problemstellung nicht unmittelbar bewusst wird. Das faschistische Verhalten einer Schulklasse soll den in Deutschland am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung herrschenden Geist enthüllen.

Gleich zu Beginn des Romans wird der Ich-Erzähler, ein junger, an humanistischen Idealen orientierter Lehrer, Zeuge eines unwürdigen Streits, den seine Schüler um eine Semmel austragen.

Wenig später erhält der Lehrer einen weiteren bedenklichen Beweis für die Gesinnung der Klasse, als die Schüler ihm schriftlich ihr Misstrauen bescheinigen.

Des Lehrers summarische Charakteristik: »Eine schreckliche Bande … Alles Denken ist ihnen verhasst! Sie pfeifen auf den Menschen.‘ … Ihr Ideal ist der Hohn«, wirkt trotz dieser Symptome als unreflektierte, simplifizierende Verurteilung Unmündiger, die, vierzehnjährig, der Ideologie der Erwachsenen notwendig verfallen sind.

Die politische Dämonisierung der Schüler durch das Medium ihres moralisierenden Lehrers enthüllt sich vollends als willkürlich in einem vormilitärischen Ausbildungslager, wo die Klasse die Osterferien zubringen muss: denn weder im Diebstahl eines Fotoapparats noch in den pubertären Wirren eines Jungen und eines Mädchens, die für den Diebstahl mitverantwortlich sind, noch in den daraus entstehenden Missverständnissen und Händeln manifestiert sich etwas schlechthin Böses; ebenso wenig werden in diesen Episoden allgemeinere zeitgeschichtliche Vorgänge symbolisch transparent.

Die Zwistigkeiten dieser »Jugend ohne Gott« kulminieren schließlich in einem Mord. Der Lehrer, der sich bemüht, den Diebstahl aufzuklären, beschädigt im Verlauf seiner heimlichen Nachforschungen das Kästchen eines Schülers, worin dieser sein Tagebuch aufbewahrt, verschweigt aber aus Feigheit seine Tat und macht sich so am Streit der Schüler und am Mord mitschuldig. Unversehens findet er sich verstrickt in ein »Leben des Elends und der Widersprüche«, das ihm als ein »ewiges Meer der Schuld« erscheint, aus dem »einzig und allein die göttliche Gnade und der Glaube an die Offenbarung retten kann«.

In dieser Entwicklung kommt die Überlagerung der zeitkritischen Perspektive des Romans durch religiöse Gedankengänge unmittelbar zum Ausdruck. Der Diebstahl und seine verhängnisvollen Konsequenzen stellen sich als Folge einer mit dem Dasein selbst gesetzten Erbsünde oder Urschuld dar, die »wie ein Raubvogel ihre Kreise zieht«. Sie verflüchtigt sich im Roman aber zur Schuld eines einzelnen, des Schülers T. Während der Gerichtsverhandlung über den unaufgeklärten Mord gesteht der Lehrer, unmittelbar von Gott angerufen, die Wahrheit und muss deshalb seine Stellung aufgeben. Er rüttelt damit das Gewissen anderer Zeugen wach und entlarvt endlich den Mörder, unterstützt von einigen ideal gesinnten Jugendlichen.

Der künstlichen Idealisierung des Lehrers, des »einzigen Erwachsenen, der die Wahrheit liebt«, und der Jungen, die sich für »Wahrheit und Gerechtig­keit« engagieren wollen, entspricht andererseits die gewaltsame Verteufelung des vierzehnjährigen T., eines Schülers mit »hellen runden Augen«, »wie ein Fisch«. »Er wollte alle Geheimnisse ergründen, aber nur, um darüberstehen zu können – darüber mit seinem Hohn.«

Sowenig die Schulklasse anfangs zur Illustration des faschistischen Geistes taugte (den z. B. Brecht aus ähnlichen, scheinbar privaten Anlässen, in den Szenen Furcht und Elend des Dritten Reiches, 1935-1938, weit bedrängender vergegenwärtigt hat), sowenig lässt sich die Gestalt eines beliebigen, am herrschenden Ungeist schuldlosen Schülers in eine Allegorie (Figur)der Unmenschlichkeit verwandeln. Die Ohnmacht seines unpolitischen Ethos veranlasst den Lehrer am Ende, diese »Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten« zu verlassen und nach Afrika zu emigrieren. Damit bleibt der Zeitgeist nur atmosphärischer Hintergrund eines Geschehens, das durch seinen Ablauf, durch Entstehung, Verschleierung und Enthüllung eines Mords, eine eigene, durch dramatische Stilmittel intensivierte Spannung erzeugt, die den Problem­gehalt des Romans zurücktreten lässt. – Obwohl das Werk in der Emigration erschien, bezeugen Übersetzungen in acht Sprachen, die schon kurze Zeit nach der Erstveröffentlichung vorlagen, die große internationale Resonanz, die Horvath seiner­zeit fand.

Ausgaben: Amsterdam 1938 [recte 1937]. – Wien 1948. – Wien 1953 (gem. m. Ein Kind unserer Zeit u. d. T. Zeitalter der Fische; ern. Mchn. 1965; Kindler Tb., 62).

Literatur: K. Mann, Rez. (in Das Neue Tage­blatt, Paris, 6, 1938, H. 24; ern. im Ausz. in Exil-Literatur 1933-1945, Ffm. 1965). – U. Weisstein, Ö. v. H., a Child of Our Time (in MDU, 52, 1960, S. 343-352). – R. Federmann, Rez. (in Wort in der Zeit, 8, 1962, H. 6, S. 6-14).

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